Forschung
| Die Kiesler Stiftung Wien ist seit Jahren Zielort der Interessensbekundungen von Wissenschaftlern, Kunst- und Kulturschaffenden aus den unterschiedlichsten Disziplinen. So hat sich das Kiesler-Archiv seit seiner Gründung 1997 zur Drehscheibe einer internationalen Auseinandersetzung entwickelt, die sich unter anderem Friedrich Kieslers utopistischen Architekturentwürfen, seinem innovativen Möbel- und Ausstellungsdesign, seinen Bühnen-, Kino- und Theaterprojekten sowie seiner Theorie des Correalismus widmet. Kieslers universale Wirklichkeitsauffassung korrespondiert eng mit seinen künstlerischen Konzepten, die sich in erster Linie an den aktuellen Bedürfnissen des Menschen und seiner Zeit orientieren. Nun scheint es evident, dass Kieslers Nachlass, diese Dokumentation seiner Kunstauffassung mit ca. 18.000 Plänen, Skizzen, Zeichnungen, Fotos und Schriften, sowohl einen breit angelegten Fond für eine historische Aufarbeitung wie auch für heute aktuelle Fragestellungen bietet. Daher sind die Forschungsprojekte der Kiesler Stiftung darauf ausgerichtet, sein Werk in einem historischen Kontext zu erforschen, Kieslers Position in der Entwicklungsgeschichte der europäischen Avantgarde der 20er Jahre bis hin zu den großen Entwürfen der Nachkriegsmoderne zu beleuchten und zu veröffentlichen, sowie dieses vielschichtige Oeuvre dem aktuellen Diskurs als Impuls gebender Faktor zur Verfügung zu stellen. Kiesler selbst war stets eng mit wichtigen Protagonisten seiner Zeit, wie Theo van Doesburg, Marcel Duchamp, André Breton, John Cage, Jasper Johns und Willem de Kooning, um nur einige zu nennen, verbunden. Seine Wirkungsgeschichte ist auch an den Arbeiten nachfolgender Generationen ablesbar, dem biomorphen, architektonischen Formenrepertoire der 60er Jahre, wie auch an zahlreichen zeitgenössischen Kunstkonzepten. Denn wenn Kiesler 1962 meint: “Heute ist es der Architekt, der aus den weiten Gebieten der geschichtlichen Dokumentation und der gegenwärtigen technischen Entwicklungen die gültigen Fakten auswählen muss, die sich erfolgreich mit einem Beitrag für eine schöpferische Art zu leben koordinieren lassen“, formuliert er damit ein bis heute gültiges Anforderungsprofil. Gerade Architekten der jüngeren Generation wie Greg Lynn, Lars Spuybroeck und die Preisträger des Österreichischen Friedrich Kiesler-Preises für Architektur und Kunst 2004, Asymptote / Hani Rashid und Lise Anne Couture bestätigen heute Kieslers Aktualität. Wobei sich das Interesse an seinem Werk weniger auf die formalästhetischen Bezüge einer bewegten Formensprache beruft, sondern in Kieslers interdisziplinärer Arbeitsmethode und seiner Wahrnehmungsforschung begründet liegt. Die Kiesler Stiftung Wien betreut vor allem jene Künstler und Architekten, die sich in ihren produktionsbedingten Recherchen mit Kieslers Ideen beschäftigen. Von Kieslers Projekt Endless House existieren heute zwei Modelle, Pläne, Skizzen und dgl. Seine innovativen Ausstellungsgestaltungen, wie die Art of This Century Gallery für Peggy Guggenheim von 1942, die World House Gallery (1956-1957) oder die Ausstellung Bloodflames (1947) in der Hugo Gallery New York, waren Interventionen auf Zeit. Bühnenprospekte und Theaterentwürfe sind in Form von Collagen und Fotodokumenten erhalten geblieben. Wenn sich auch einige späte Skulpturen und Bildobjekte heute in Museums- und Privatbesitz befinden, so ist sein multifunktionales Möbeldesign, vor allem in Form von Skizzen und Patentschriften bewahrt. So verfügt die Kiesler Stiftung Wien über eine nahezu komplette Dokumentation des nicht Ausgeführten, des Unvollendeten. Nicht nur Kieslers Maxime der ständigen Anpassung von künstlerischen Konzepten an weiterentwickelte Lebensbedingungen, auch diese archivierten Manifestationen eines in Entwicklung befindlichen Werkprozesses scheinen Kieslers „Verfallsdatum“ hinauszuzögern, provozieren seine Bearbeitung und Fortschreibung. |